Volle Straßen, schwindende Traditionen: Im November widmet sich ARTE Re: den Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft in der Türkei. In Istanbul kämpfen Millionen Menschen täglich mit dem Verkehrschaos der Metropole. Gleichzeitig ringen Tänzer mit einer jahrhundertealten Tradition um gesellschaftliche Akzeptanz und ihre berufliche Zukunft. Die beiden Reportagen der ECO DOCUMENTARIES erzählen von Menschen, die mit den Folgen dieser Entwicklungen unmittelbar leben.

  • Re: STAU IN ISTANBUL, Do, 5. November, 19.40 Uhr auf ARTE und in der Mediathek
  • Re: AUSGETANZT? TÜRKISCHE MÄNNER IN RÖCKEN, Do, 19. November, 19.40 Uhr auf ARTE und in der Mediathek


Re: STAU IN ISTANBUL (Do, 5. November 2026, 19.40 Uhr)

Aslı Kireçtepe liebt ihre Heimatstadt Istanbul – und verflucht sie jeden Tag aufs Neue. Jeden Werktag bringt die Medizin-Dozentin ihre Tochter mit dem Auto zur Schule, fährt dann weiter zur Arbeit. Und immer steht sie im Stau, durchschnittlich drei bis vier Stunden jeden Tag. Öffentliche Verkehrsmittel sind für sie keine Alternative, da es keine passenden Verbindungen gibt.
Rentner Ali Taşlıçukur hingegen versucht aus der Not eine Tugend zu machen. Am Zubringer der Bosporusbrücke verkauft er frühmorgens Wasser an die Autofahrer im Stau. Der 66-jährige ist dabei stets tadellos gekleidet, in Hemd und Krawatte. Trotz Hüftproblemen steht er täglich mitten auf der Schnellstraße, atmet die Abgase der Motoren im Leerlauf. Er erinnert sich, dass Istanbul in seiner Kindheit 3 Millionen Einwohner hatte – heute sind es mehr als 16 Millionen!
Das rasante Bevölkerungswachstum ist der Hauptgrund für Istanbuls Verkehrschaos. Laut internationaler Studien verliert man hier durchschnittlich 118 Stunden pro Jahr im Stau – ein trauriger Weltrekord. Die geographische Lage auf zwei Kontinenten und die engen Querverbindungen durch Brücken und Tunneln erschweren es der Stadtverwaltung, daran etwas zu verbessern. Neue Straßen und U-Bahnlinien sollen Abhilfe schaffen.
Bis das Wirkung zeigt, versucht Mesut Çeki den Istanbuler Verkehr zu bezwingen. Er ist Motorradkurier, einer von Hunderttausenden in der Stadt. Wo die Autos im Stau stehen, schlängelt er sich durch den Verkehr, oft mit waghalsigen Manövern. Meist ist er unter großem Zeitdruck. Firmen und Kunden erwarten von ihm eine rasante Lieferung. Dafür riskiert er nicht selten sein Leben.

ARTE Re: STAU IN ISTANBUL ist eine Produktion der ECO DOCUMENTARIES für ARTE. Autorin: Kristina Karasu. Kamera: Yalçın Öztürk. Schnitt: Jochen-Carl Müller. Producer ECO DOCUMENTARIES: Michael Fränzel. Produktion ECO DOCUMENTARIES: Christin Gumpert, Eva Hirschmann. Produzent: Dr. Thomas Schuhbauer. Redaktion ZDF/ARTE: Frederic Ulferts.

Re: AUSGETANZT? TÜRKISCHE MÄNNER IN RÖCKEN (Do, 19. November um 19.40 Uhr)
In der Türkei gehören in Kleidern tanzende Männer seit Jahrhunderten zur Unterhaltungskultur. Weil es als sündhaft galt, wenn Frauen vor Männern tanzten, wurden Jungen zu Tänzern ausgebildet. Heute treten Köçeks in folkloristischen Röcken und Zennes in sinnlichen Bauchtanzkostümen auf. Doch seit die AKP-Regierung eine religiöse Moralpolitik verfolgt, sehen sich die Tänzer zunehmend gesellschaftlicher Ablehnung ausgesetzt.
Baran Güney und sein Onkel Soner Barut verdienen ihren Lebensunterhalt als Köçeks – wie schon Generationen ihrer Familie vor ihnen. Doch sie hören öfter Sprüche wie: “Echte Kerle tragen doch keine Röcke und schwingen mit den Hüften.” Die Absagen für Auftritte häufen sich. Stattdessen müssen sie auf den Straßen von Amasra für Trinkgelder von Touristen tanzen. Baran denkt deshalb darüber nach, den Beruf zu wechseln.
Der 23-Jährige Can Koçak glaubt nicht, dass er als Köçek seine Verlobte versorgen kann. Nach der Hochzeit im kommenden Jahr will er aufhören und nur noch als Kartonsammler arbeiten. Auf der Feier, bei der er auftritt, zeigt sich der gesellschaftliche Wandel: Während einige Gäste die Köçeks als Teil der Feierkultur schätzen, stoßen sie bei anderen auf Kritik. Die Vorbehalte kommen nicht mehr nur aus religiös-konservativen Kreisen.
Segah Demirdelen zählt zu den bekanntesten Bauchtänzern Istanbuls. Als Zenne und homosexueller Tänzer erlebt er besonders häufig Anfeindungen. Mit Sorge blickt er in die Zukunft. Er befürchtet, dass die Tradition der tanzenden Männer verschwindet. Denn die Regierung erhöht den Druck gegen Menschen wie ihn.

ARTE Re: AUSGETANZT? TÜRKISCHE MÄNNER IN RÖCKEN ist eine Produktion der ECO DOCUMENTARIES für ARTE. Autorinnen: Candan Six-Sasmaz, Melanie Radike. Kamera: Yalçın Öztürk. Schnitt: Christian Bobsien. Producerin ECO DOCUMENTARIES: Salome Bader. Produktion ECO DOCUMENTARIES: Christin Gumpert. Produzent: Dr. Thomas Schuhbauer. Redaktion ZDF/ARTE: Miriam Carbe.